Dunning-Kruger-Effekt: geschätztes und tatsächliches Perzentil im Logiktest von Kruger und Dunning 1999

Dunning-Kruger-Effekt: Was die Studie wirklich zeigt (und was nur ein Meme ist)

14,2 von 20 Punkten. So viel erwarteten die schwächsten Teilnehmer im berühmtesten Versuch zum Dunning-Kruger-Effekt. Geschafft hatten sie 9,6.

Die meisten kennen den Dunning-Kruger-Effekt als Kurve mit einem Gipfel namens Mount Stupid. Dabei steht diese Kurve nirgends in der Studie. Und ein Teil des berühmten Befunds ist reine Statistik. Wir schauen uns an, was Justin Kruger und David Dunning 1999 wirklich gemessen haben, was die Kritik zeigt und was trotzdem übrig bleibt. Danach testen wir die eigene Selbsteinschätzung: erst schätzen, dann zehn Fragen beantworten. Der Test gehört zu unseren kostenlosen Tests und Rechnern.

Kurz erklärt

Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt einen Befund von 1999: Wer in einem Test schlecht abschneidet, schätzt sich deutlich zu gut ein, meist knapp über dem Durchschnitt. Die Besten unterschätzen sich leicht. Die bekannte Mount-Stupid-Kurve stammt aus dem Internet, nicht aus der Studie. Ein großer Teil des Musters lässt sich mit Regression zur Mitte erklären. Belastbar bleibt: Schwächere erkennen ihre eigenen Fehler schlechter.

Was fanden Kruger und Dunning 1999 wirklich?

Kruger und Dunning ließen Studierende der Cornell University Tests schreiben und vorher schätzen, wie gut sie im Vergleich abschneiden. Das schwächste Viertel landete im Schnitt etwa auf Perzentil 12, hielt sich aber für besser als rund 60 Prozent der anderen. Selbstüberschätzung ja, aber auf Durchschnittsniveau, nicht auf Expertenniveau.

Vier Studien, von Witzen bis Logikrätseln

In Studie 1 bewerteten 65 Personen, wie lustig 30 Witze sind. Verglichen wurde mit dem Urteil von Profi-Comedians. Studie 2 prüfte mit 45 Personen logisches Denken in 20 Aufgaben nach Art des US-Jura-Eignungstests. Studie 3 testete bei 84 Personen Grammatik. In Studie 4 lösten 140 Personen ein Logikrätsel, die Wason-Aufgabe.

Das Muster war jedes Mal gleich. Im Logiktest lag das schwächste Viertel tatsächlich auf Perzentil 12. Geschätzt hatte es Perzentil 62. Ein Perzentil gibt an, wie viel Prozent der anderen schlechter waren. Perzentil 62 heißt also: besser als 62 Prozent. Das stärkste Viertel lag auf Perzentil 86 und schätzte sich nur auf 68.

Dunning-Kruger-Effekt in vier Studien: geschätztes und tatsächliches Perzentil des schwächsten und stärksten Viertels
Kruger und Dunning (1999): Das schwächste Viertel schätzt sich auf Perzentil 53 bis 62, das stärkste etwas zu niedrig. Werte aus der Originalstudie.

Das eigentliche Problem: Fehler nicht sehen

Spannender als die Zahlen ist die Erklärung der Autoren. Wer eine Aufgabe nicht kann, dem fehlt oft genau das Wissen, um die eigene Antwort als falsch zu erkennen. Psychologen nennen diese Fähigkeit, das eigene Denken zu beurteilen, Metakognition.

Studie 4 prüfte das direkt. Die Hälfte der Teilnehmenden bekam ein kurzes Logiktraining. Im schwächsten Viertel sank danach die geschätzte Punktzahl von 5,3 auf 1,0 von 10. Die echte lag bei 0,4. Ihr Testergebnis blieb dasselbe, sie bewerteten es nur nachträglich realistischer. Ohne Training stieg die Schätzung sogar leicht.

Woher kommt der Mount Stupid, wenn nicht aus der Studie?

Der Mount Stupid stammt aus einem Webcomic. Spätestens Ende 2011 zeichnete Zach Weinersmith in „Saturday Morning Breakfast Cereal“ eine Kurve mit diesem Gipfel. Auf der Achse stand die Bereitschaft, eine Meinung zu verkünden. Später wurde daraus das bekannte Bild mit Selbstvertrauen gegen Wissen.

Das Meme behauptet etwas, das die Studie nie gemessen hat. Kruger und Dunning haben keine Lernkurve über Zeit untersucht. Sie haben verschiedene Menschen einmal verglichen. Es gibt in den Daten auch keinen Gipfel, auf dem Anfänger sich für Experten halten. Das schwächste Viertel setzte sich auf etwa Perzentil 60, also ins gute Mittelfeld. Das ist Selbstüberschätzung, aber eine unspektakuläre.

Warum hält sich der Mount Stupid trotzdem? Weil er eine Erfahrung gut beschreibt, die viele kennen. Nach drei YouTube-Videos über Aktien fühlen wir uns schlau, nach drei Jahren an der Börse vorsichtiger. Ein Beleg aus dieser Studie ist es nicht.

Ist der Dunning-Kruger-Effekt nur Statistik?

Zu einem großen Teil, ja. Kritiker zeigen: Das typische Studienbild entsteht auch dann, wenn Menschen sich völlig zufällig einschätzen. Zwei bekannte statistische Effekte reichen dafür aus. Der eine heißt Regression zur Mitte, der andere ist die Neigung, sich für überdurchschnittlich zu halten.

Regression zur Mitte an einem Beispiel

Nehmen wir Arvid, 21, ein ausgedachtes Beispiel. Arvid hält sich bei Logikaufgaben für etwas besser als der Schnitt, sagen wir Perzentil 60. Diese Meinung ändert sich kaum. Seine Testergebnisse schwanken aber, je nach Tagesform und Glück beim Raten.

An einem schlechten Tag landet Arvid auf Perzentil 20. Die Studie würde ihn ins schwächste Viertel sortieren und notieren: 40 Punkte Selbstüberschätzung. An einem guten Tag kommt er auf Perzentil 85. Jetzt steht er im besten Viertel und hat sich scheinbar unterschätzt. Es ist derselbe Arvid mit derselben Selbsteinschätzung. Nur der Zufall im Test hat ihn verschoben. Das meint Regression zur Mitte: Extreme Messwerte enthalten oft viel Zufall, und die zweite Messung liegt wieder näher am Durchschnitt.

Was Nuhfer und Gignac gezeigt haben

Edward Nuhfer und Kollegen erzeugten 2016 Selbsteinschätzungen aus reinen Zufallszahlen. Daraus entstand trotzdem das typische Diagramm zum Dunning-Kruger-Effekt. In einer Folgestudie 2017 mit 1.154 Personen und einem Test zur Naturwissenschafts-Kompetenz kamen sie zu dem Schluss: Die Selbsteinschätzung spiegelt im Großen und Ganzen die echte Leistung. Experten schätzten sich genauer ein als Anfänger.

Gilles Gignac und Marcin Zajenkowski prüften 2020 mit 929 Personen aus Warschau ihren IQ-Test gegen die eigene Einschätzung. Im Schnitt schätzten sich alle auf einen IQ von 124, gemessen wurden 102. Das klassische Viertel-Diagramm kam auch hier heraus. Mit statistischen Verfahren, die Zufall herausrechnen, verschwand der Effekt aber fast. Ihr Fazit: Der Dunning-Kruger-Effekt sei „überwiegend“ ein statistisches Artefakt, nicht vollständig.

Mount Stupid als Internet-Meme neben einer Simulation, in der zufällige Selbsteinschätzung das typische Dunning-Kruger-Diagramm erzeugt
Links das virale Schema, rechts unsere eigene Rechnung: 2.000 Zufallspersonen, deren Schätzung nichts mit ihrer Leistung zu tun hat, ergeben trotzdem das bekannte Bild.

Was vom Dunning-Kruger-Effekt trotzdem übrig bleibt

Ganz weg ist der Dunning-Kruger-Effekt nicht. Drei Dinge sind gut belegt: Fast alle halten sich für überdurchschnittlich. Wer schwach ist, erkennt seine Fehler schlechter. Und die Besten unterschätzen oft, wie schwer anderen eine Aufgabe fällt.

Eine große Wiederholung von Rachel Jansen, Anna Rafferty und Tom Griffiths aus dem Jahr 2021 testete jeweils rund 4.000 Personen in Grammatik und Logik. Ihr Rechenmodell berücksichtigt Zufall und den Hang zum Überdurchschnittlichen. Trotzdem blieb ein Rest: Schwächere waren schlechter darin zu beurteilen, ob einzelne Antworten richtig waren. Der Kern der Erklärung von 1999 hält also, nur kleiner als im Meme.

Die Selbstüberschätzung der Besten hat einen anderen Grund. In Studie 3 korrigierten sie fremde Tests. Danach sahen sie, wie viele Fehler andere machten, und schätzten sich höher ein. Ihr Problem war also nicht die eigene Leistung, sondern das Bild von den anderen.

Dunning-Kruger Test: erst schätzen, dann antworten

Dieser Dunning-Kruger Test misst keine Intelligenz. Er misst, wie gut Schätzung und Ergebnis zusammenpassen. Zuerst legen wir fest, wie viele der zehn Fragen wir schaffen. Bei jeder Frage lässt sich zusätzlich die eigene Sicherheit antippen. Am Ende steht ein Satz zum Teilen, etwa: „Ich habe mich um 3 Punkte überschätzt.“

Selbsteinschätzungs-Test

Erst schätzen, dann antworten

10 Fragen aus Allgemeinwissen und Logik, je vier Antworten. Bevor es losgeht, legen wir uns fest. Pro Frage lässt sich außerdem angeben, wie sicher wir uns sind.

7
60
Wie sicher bin ich? (optional, vor dem Antworten)
Ergebnis
geschätzt
geschafft

Eigene Fragen, eigene Auswertung. Wir speichern keine Ergebnisse und berechnen deshalb kein echtes Perzentil. Verglichen wird nur die eigene Schätzung mit der eigenen Punktzahl.

Wie wir unsere Selbsteinschätzung trainieren

Die gute Nachricht zum Dunning-Kruger-Effekt steckt in Studie 4: Ein kurzes Training verbesserte die Selbsteinschätzung deutlich. Der wichtigste Hebel ist schnelles, ehrliches Feedback. Wer vor jeder Prüfung seine Note aufschreibt und danach vergleicht, merkt nach wenigen Wochen, in welche Richtung er danebenliegt.

Beim Lernen helfen Methoden, die Wissen abfragen statt nur wiederholen. Wer mit Karteikarten lernt, sieht bei jeder Karte sofort, ob die Antwort sitzt. Mehr dazu steht in unserem Artikel über richtig lernen. Wer sein Wissen breiter prüfen will, findet im Allgemeinwissen-Test weitere Fragen.

Ein zweiter Hebel ist die Frage nach dem Gegenbeweis. Bevor wir etwas sicher behaupten, fragen wir uns: Was müsste passieren, damit ich falsch liege? Das schützt auch vor Leuten, die mit großer Sicherheit auftreten. Wie solche Muster funktionieren, zeigen wir unter Manipulation erkennen. Und wie sich Selbstbild und Persönlichkeit messen lassen, zeigt der Big Five Test.

Typische Fehler beim Dunning-Kruger-Effekt

Den Effekt als Beleidigung benutzen

„Typisch Dunning-Kruger“ ist im Netz ein beliebter Konter. Der Dunning-Kruger-Effekt sagt aber nichts über einzelne Menschen. Sie vergleicht Gruppendurchschnitte, und im Einzelfall kann jeder danebenliegen, auch der, der den Begriff benutzt.

Den Mount Stupid für Daten halten

Die Kurve ist eine Zeichnung. Wer sie in einer Präsentation zeigt, sollte dazusagen, dass sie aus einem Comic stammt und nicht aus der Forschung.

Glauben, Unwissende halten sich für Genies

In den Daten schätzten sich die Schwächsten auf etwa Perzentil 60. Das ist leichte Selbstüberschätzung, kein Größenwahn.

Die Statistik-Kritik ignorieren

Wer heute über den Dunning-Kruger-Effekt schreibt, muss Regression zur Mitte erwähnen. Sonst wirkt ein Rechenmuster wie ein Charakterzug.

Merksatz

Der Dunning-Kruger-Effekt ist kleiner als sein Ruf. Fast alle halten sich für leicht überdurchschnittlich, und ein Teil des berühmten Musters ist Statistik. Echt ist: Wer wenig weiß, sieht seine eigenen Fehler schlechter. Dagegen hilft Feedback, nicht Häme.

Heute Abend: vor der nächsten Lerneinheit aufschreiben, wie viele Aufgaben wir richtig lösen werden. Danach vergleichen und die Abweichung notieren, etwa im Journal.

Weiterlesen und Quellen

Quellen (Stand 04.11.2026): Kruger und Dunning (1999), Unskilled and unaware of it, Journal of Personality and Social Psychology 77(6), 1121 bis 1134; Nuhfer u. a. (2016), Numeracy 9(1), Art. 4; Nuhfer u. a. (2017), Numeracy 10(1), Art. 4; Gignac und Zajenkowski (2020), Intelligence 80, 101449; Jansen, Rafferty und Griffiths (2021), Nature Human Behaviour 5, 756 bis 763; Herkunft „Mount Stupid“: Webcomic Saturday Morning Breakfast Cereal (Zach Weinersmith), zitiert in einer LessWrong-Diskussion vom 03.01.2012. Simulation im zweiten Bild: eigene Rechnung.

Newsletter

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert