Hochstapler-Syndrom: Warum gerade fähige Menschen an sich zweifeln
„Glückwunsch zur Eins!“ „Danke, aber die Klausur war echt leicht.“
Wer so antwortet, obwohl er drei Wochen gelernt hat, kennt vielleicht das Hochstapler-Syndrom. Gemeint ist das zähe Gefühl, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben und bald aufzufliegen.
Die meisten halten das Hochstapler-Syndrom für eine Art Krankheit, die vor allem Frauen trifft. Beides stimmt nicht. Es ist keine Diagnose, Männer kennen es genauso, und wie viele Menschen betroffen sind, hängt vor allem vom Fragebogen ab. Dazu gibt es einen eigenen Selbsttest mit 12 Aussagen, einen von unseren kostenlosen Tests und Rechnern.
- Kurz erklärt
- Woher kommt der Begriff Hochstapler-Syndrom?
- Wie viele Menschen haben das Hochstapler-Syndrom wirklich?
- Warum die Angst vor Fehlern das Gefühl füttert
- Ist das Hochstapler-Syndrom das Gegenteil von Dunning-Kruger?
- Hochstapler-Syndrom Test mit 12 Aussagen
- Was hilft gegen das Hochstapler-Syndrom?
- Drei Irrtümer, die sich hartnäckig halten
- Merksatz
- Wissensquiz zum Impostor-Phänomen
- Weiterlesen und Quellen
Kurz erklärt
Das Hochstapler-Syndrom, in der Forschung Impostor-Phänomen genannt, beschreibt Menschen, die objektiv viel erreichen und ihren Erfolg trotzdem auf Glück oder Täuschung schieben. Den Begriff prägten Pauline Clance und Suzanne Imes 1978. Eine psychische Erkrankung im Sinne der Diagnosehandbücher ist es nicht. Je nach Fragebogen berichten 9 bis 82 Prozent der Befragten davon. Am engsten hängt es mit Perfektionismus zusammen, genauer mit der Angst vor Fehlern.
Woher kommt der Begriff Hochstapler-Syndrom?
Der Begriff geht auf einen Fachartikel von 1978 zurück. Die Psychologinnen Pauline Rose Clance und Suzanne Imes beschrieben darin über 150 erfolgreiche Frauen aus ihrer Therapiearbeit. Studentinnen, Doktorandinnen, Dozentinnen. Trotzdem waren die meisten überzeugt, ihr Umfeld nur getäuscht zu haben.
Clance und Imes sprachen vom „impostor phenomenon“, also vom Hochstapler-Phänomen. Das Wort Syndrom kam erst später in Ratgebern dazu und klingt fälschlich nach Krankheit. Im Deutschen hat sich trotzdem Hochstapler-Syndrom durchgesetzt, daneben liest man Impostor-Syndrom.
Warum es zuerst nur um Frauen ging
Die Autorinnen arbeiteten mit Klientinnen, die ohnehin in Therapie waren. Zufällig ausgewählt war diese Gruppe also nicht. Spätere Studien fanden das Muster genauso bei Männern, und Clance hat das in späteren Arbeiten selbst so beschrieben.
Ein Kreislauf, der sich selbst bestätigt
1985 beschrieb Clance in einem Buch, wie sich das Gefühl am Leben hält. Am Anfang steht eine neue Aufgabe, etwa eine Prüfung. Es folgen Zweifel. Dann bereiten sich Betroffene übertrieben gründlich vor. Oder sie schieben auf und arbeiten in letzter Minute.
Die Aufgabe gelingt. Dann kommt die Umdeutung. Wer viel gelernt hat, denkt: nur wegen der Schufterei. Wer aufgeschoben hat, denkt: nur Glück gehabt. Beim nächsten Mal beginnt alles von vorn, und jeder Erfolg macht die Angst eher größer.

Wie viele Menschen haben das Hochstapler-Syndrom wirklich?
Das weiß niemand genau. Ehrlich gesagt ist das der spannendste Befund. Eine große Übersichtsarbeit von Dena Bravata und Kollegen wertete 2020 insgesamt 62 Studien mit 14.161 Teilnehmenden aus. Die Häufigkeit lag zwischen 9 und 82 Prozent. Die riesige Spanne entsteht vor allem durch unterschiedliche Fragebögen und Grenzwerte.
Fast alle Studien arbeiten mit Fragebögen. Am bekanntesten ist die Skala, die Clance 1985 veröffentlicht hat, mit 20 Aussagen. Wer viele Punkte sammelt, gilt als betroffen. Wo genau die Grenze liegt, legt jedes Forschungsteam selbst fest. Liegt sie niedrig, landen viele Menschen darüber. Liegt sie hoch, nur wenige. Gleiches Gefühl, völlig andere Schlagzeile.
2025 kam eine Meta-Analyse von Nader Salari und Kollegen auf 62 Prozent. Sie betrachtete allerdings nur Beschäftigte im Gesundheitswesen, 30 Studien mit 11.483 Personen. Auf alle Menschen lässt sich diese Zahl nicht übertragen.

Wer ist betroffen?
Bravata und Kollegen fanden das Muster bei Männern und Frauen, bei Jugendlichen genauso wie bei Menschen spät im Berufsleben. Besonders hohe Werte zeigten sich in ethnischen Minderheiten. Oft ging das Gefühl mit Depression und Angst einher, mit weniger Zufriedenheit im Job und mit Burnout. Was dabei Ursache und was Folge ist, zeigen solche Studien nicht.
Warum die Angst vor Fehlern das Gefühl füttert
Perfektionismus ist der engste bekannte Begleiter des Impostor-Phänomens. Allerdings nur eine Seite davon. Das Streben nach hohen Zielen hängt kaum mit dem Hochstapler-Gefühl zusammen. Die Sorge vor Fehlern und vor dem Urteil anderer dagegen sehr deutlich. Das zeigt eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2025.
Andrew Hill und John Gotwals fassten darin 25 Studien mit 12.141 Personen zusammen. Sie nutzten den Korrelationswert r, der von 0 (kein Zusammenhang) bis 1 (perfekter Zusammenhang) reicht. Ab etwa 0,5 gilt er als groß. Die Sorge vor Fehlern kam auf r = 0,61. Das bloße Streben nach hohen Standards nur auf r = 0,15.
Eine Studie aus Frankfurt mit 274 Personen kam zum gleichen Bild. Sophie Pannhausen, Kristina Klug und Sonja Rohrmann fanden 2022: Vor allem Zweifel am eigenen Handeln und die Angst vor Fehlern sagten das Hochstapler-Gefühl voraus.

Ein Beispiel aus der Ausbildung
Nehmen wir Thore, 22, ein ausgedachtes Beispiel. Thore ist im dritten Ausbildungsjahr und soll vor der Abteilung ein Verbesserungsprojekt vorstellen. Er übt den Vortrag elfmal. Es läuft gut, der Meister lobt ihn.
Thore denkt danach: Hätte ich nicht so viel geübt, hätten alle gemerkt, dass ich keine Ahnung habe. Elfmal üben wäre für sich noch harmlos. Schwierig wird es, weil Thore das Lob komplett der Übung gutschreibt und gar nichts seinem Können. Beim nächsten Vortrag übt er vermutlich fünfzehnmal.
Ist das Hochstapler-Syndrom das Gegenteil von Dunning-Kruger?
Nur auf den ersten Blick. Beim Dunning-Kruger-Effekt überschätzen sich Menschen mit schwachen Ergebnissen. Beim Hochstapler-Syndrom unterschätzen sich Menschen mit guten Ergebnissen. Das klingt spiegelbildlich, ist es aber nicht.
Kruger und Dunning ließen 1999 Studierende Tests schreiben und die eigene Leistung schätzen. Es ging um eine Einschätzung in einem einzigen Moment. In der Logikstudie lag das stärkste Viertel auf Perzentil 86, schätzte sich aber nur auf 68. Die Guten unterschätzten sich also leicht. Sie hielten schlicht die anderen für besser, als diese waren.
Beim Hochstapler-Syndrom geht es um ein lang anhaltendes Gefühl über die eigene Person. Betroffene wissen meist genau, dass ihre Noten gut sind. Sie glauben nur nicht, dass diese Noten etwas über sie aussagen. Gegen eine falsche Selbsteinschätzung hilft ehrliches Feedback. Gegen das Hochstapler-Gefühl reicht Feedback oft nicht, weil jedes Lob sofort umgedeutet wird.
Hochstapler-Syndrom Test mit 12 Aussagen
Unser Hochstapler-Syndrom Test ist eine eigene Sammlung von Aussagen, keine geprüfte wissenschaftliche Skala. Die Aussagen decken die Bereiche ab, die in der Forschung immer wieder auftauchen: Erfolge kleinreden, Angst vor Entlarvung und Perfektionismus. Am Ende stehen ein Wert zwischen 12 und 60, eine von drei Stufen und ein Satz zum Teilen.
Wie stark ist das Hochstapler-Gefühl?
12 Aussagen, je eine Zahl von 1 (trifft gar nicht zu) bis 5 (trifft voll zu). Spontan antworten und an die letzten sechs Monate denken.
Eigene Aussagen, keine geprüfte Skala und keine Diagnose. Wir speichern keine Antworten. Bei starkem Leidensdruck hilft ein Gespräch mit der Hausarztpraxis oder einer Beratungsstelle.
Was hilft gegen das Hochstapler-Syndrom?
Harte Forschung gibt es dazu kaum. Bravata und Kollegen fanden 2020 keine einzige veröffentlichte Studie, die eine Behandlung geprüft hat. Was es gibt, sind Ansätze aus Therapie und Beratung, die zu den bekannten Ursachen passen.
Darüber reden
Clance und Imes setzten schon 1978 auf Gruppengespräche. Wer hört, dass die Kollegin genau dasselbe denkt, glaubt dem eigenen Gefühl ein Stück weniger.
Belege sammeln, Woche für Woche
Wir legen eine Notiz an und schreiben nach jedem Erfolg auf, was wir selbst dazu beigetragen haben. „Lief gut“ zählt kaum. „Ich habe den Fehler in Schritt 3 gefunden“ zählt. Das passt gut zum Journaling. Nach einem Monat liegt eine Liste vor uns, die sich schwer wegdiskutieren lässt.
Vorher festlegen, wann etwas fertig ist
Weil die Angst vor Fehlern der stärkste Treiber ist, bestimmen wir vor der Arbeit, was gut genug bedeutet. Zum Beispiel: Der Vortrag wird dreimal geübt, nicht elfmal. Dabei hilft das Pareto-Prinzip, nach dem oft ein kleiner Teil des Aufwands den größten Teil des Ergebnisses bringt. Wer eher zum Aufschieben neigt, findet bei den Ursachen von Prokrastination passende Ansätze.
Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist
Bestimmt das Gefühl den Alltag oder kommt gedrückte Stimmung dazu, gehört es in professionelle Hände. Anlaufstellen sind die Hausarztpraxis, die psychologische Beratung an Hochschulen oder eine Psychotherapie. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111 erreichbar.
Drei Irrtümer, die sich hartnäckig halten
Es für eine Diagnose halten
Das Hochstapler-Syndrom steht weder im DSM-5 noch in der ICD-11, den beiden großen Diagnosesystemen. Wer sich darin erkennt, ist deshalb nicht krank. Umgekehrt kann hinter starken Selbstzweifeln eine Depression oder Angststörung stecken, die Behandlung verdient.
Glauben, nur Frauen seien betroffen
Die Ursprungsarbeit beschrieb nur Frauen. Die Forschung danach zeigt das Muster bei allen Geschlechtern.
Schlagzeilen-Zahlen übernehmen
„70 Prozent aller Menschen“ klingt eingängig, ist aber nicht sauber belegt. Seriöse Angaben nennen immer den Fragebogen und die untersuchte Gruppe.
Merksatz
Das Hochstapler-Syndrom ist ein Denkmuster, keine Krankheit. Beschrieben wurde es zuerst bei Menschen, die viel leisten, und es hängt eng mit der Angst vor Fehlern zusammen. Gefühle lassen sich schlecht wegargumentieren. Belege schon.
Heute Abend: eine Notiz mit dem Titel „Was ich wirklich beigetragen habe“ anlegen und drei Erfolge aus den letzten vier Wochen eintragen, jeweils mit einem konkreten eigenen Beitrag.
Wissensquiz zum Impostor-Phänomen
Weiterlesen und Quellen
- Dunning-Kruger-Effekt: was die Studie wirklich zeigt
- Prokrastination: die Ursachen
- Journaling
- Das Pareto-Prinzip
- Big Five Test
- Alle kostenlosen Rechner und Tests
- Hochstapler-Syndrom bei Wikipedia
Quellen (Stand 05.11.2026): Clance und Imes (1978), The imposter phenomenon in high achieving women, Psychotherapy: Theory, Research and Practice 15(3), 241 bis 247; Clance (1985), The Impostor Phenomenon, Peachtree Publishers; Bravata u. a. (2020), Prevalence, Predictors, and Treatment of Impostor Syndrome: a Systematic Review, Journal of General Internal Medicine 35(4), 1252 bis 1275; Salari u. a. (2025), Global prevalence of imposter syndrome in health service providers, BMC Psychology 13; Hill und Gotwals (2025), A meta-analysis of multidimensional perfectionism and imposter phenomenon, Journal of Research in Personality 118, 104639; Pannhausen, Klug und Rohrmann (2022), Never good enough, Current Psychology 41, 888 bis 901; Kruger und Dunning (1999), Journal of Personality and Social Psychology 77(6), 1121 bis 1134. Selbsttest und Skizzen: eigene Inhalte.
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