Lesegeschwindigkeit testen: Wie viele Wörter pro Minute lesen Erwachsene?

Lesegeschwindigkeit testen: Wie viele Wörter pro Minute lesen wir?

Das Lesezeichen steckt seit drei Wochen auf Seite 48. Bevor wir Geld für einen Kurs in Speed Reading ausgeben, sollten wir einmal ehrlich unsere Lesegeschwindigkeit testen. Der Test unten dauert zwei Minuten.

Die meisten von uns halten sich für langsame Leser. Dabei liegen fast alle Erwachsenen bei Sachtexten zwischen 175 und 300 Wörtern pro Minute. Schneller lesen klappt dann vor allem über mehr Übung und mehr Wortschatz. Das zeigen eine große Meta-Analyse von Marc Brysbaert (2019) und eine Übersichtsarbeit von Keith Rayner und Kollegen (2016). Wir messen zuerst und schauen dann, was die Zahl bedeutet.

Kurz erklärt

Erwachsene lesen englische Sachtexte still mit durchschnittlich 238 Wörtern pro Minute, Romane mit 260 (Brysbaert 2019). Die meisten liegen bei Sachtexten zwischen 175 und 300. Das doppelte bis dreifache Tempo bei vollem Leseverständnis halten Rayner und Kollegen (2016) für unwahrscheinlich. Tempo bringen vor allem Übung, Wortschatz und Vorwissen. Wer die Lesegeschwindigkeit testen will, braucht neben der Zeit auch Fragen zum Verständnis.

Lesegeschwindigkeit testen: der 2-Minuten-Test

Um die Lesegeschwindigkeit testen zu können, brauchen wir drei Dinge: einen unbekannten Text, eine Stoppuhr und ein paar Fragen danach. Genau so ist der Test aufgebaut. Er zeigt einen Sachtext mit knapp 300 Wörtern, misst die Zeit und fragt drei Details ab. Am Ende stehen die Wörter pro Minute und das Leseverständnis in Prozent.

Lesegeschwindigkeit testen

Wir lesen einen kurzen Sachtext über Bienen in unserem normalen Tempo, so wie wir auch sonst lesen. Die Zeit läuft ab Start und stoppt bei Fertig. Danach kommen 3 Fragen zum Leseverständnis, zurückblättern geht nicht.

Die Zeit läuft. In Ruhe lesen, dann unten auf Fertig.

Wie Honigbienen ihren Weg finden

Wörter pro Minute
Leseverständnis
Lesezeit für Wörter

Vergleichswerte: Brysbaert (2019), Meta-Analyse mit 190 Studien, Erwachsene, stilles Lesen englischer Texte. Annahme für die Bücher-Rechnung: ein Roman mit 90.000 Wörtern. Das Ergebnis bleibt in diesem Browser, es wird nichts gespeichert oder gesendet.

Die Formel ist einfach: Wörter geteilt durch Minuten. 299 Wörter in 75 Sekunden sind 299 geteilt durch 1,25, also 239 Wörter pro Minute. Die drei Fragen sind dabei kein Beiwerk. Ohne sie misst ein Lesetest nur, wie schnell wir die Augen über eine Seite schieben.

Wie viele Wörter pro Minute sind normal?

Für stilles Lesen englischer Sachtexte nennt Brysbaert 238 Wörter pro Minute als Mittelwert. Grundlage sind 190 Studien mit zusammen 18.573 Teilnehmenden. Bei Romanen kommt er auf 260 Wörter pro Minute, beim lauten Vorlesen auf 183. Die meisten Erwachsenen liegen bei Sachtexten zwischen 175 und 300.

Lesegeschwindigkeit testen: Vergleich der Wörter pro Minute beim Vorlesen, stillen Lesen und bei Speed-Reading-Versprechen
Woran wir uns messen, wenn wir die Lesegeschwindigkeit testen: Durchschnittswerte aus der Meta-Analyse von Brysbaert (2019) und die Spanne aus Rayner et al. (2016). Achse beginnt bei 0. Englische Studien, außer der Zeile mit den deutschen Studien.

Einen eigenen Mittelwert für Deutsch nennt die Meta-Analyse nicht. In ihren Tabellen stehen aber drei deutsche Studien zum stillen Lesen von Sachtexten. Sie kommen auf 235, 244 und 246 Wörter pro Minute. Das liegt nah am englischen Wert.

Ein Haken bleibt trotzdem. Deutsche Wörter sind oft länger, man denke an Orientierungsflug oder Futterquelle. Brysbaert empfiehlt deshalb, Lesetempo zwischen Sprachen über die Wortlänge umzurechnen. Ein deutsches Ergebnis knapp unter 238 ist also kein schlechtes Zeichen.

Ein Beispiel mit Zahlen

Nehmen wir Lena, 21, Studentin (eine erfundene Beispielperson). Sie will ihre Lesegeschwindigkeit testen, misst 205 Wörter pro Minute und beantwortet alle drei Fragen richtig. Damit liegt sie mitten im üblichen Bereich. Für Seite 48 fehlt ihr kein Tempo. Es fehlen die 20 Minuten am Abend. Mit 20 Minuten täglich käme sie auf rund 1,5 Millionen Wörter im Jahr, also etwa 17 Romane mit je 90.000 Wörtern.

Warum 300 Wörter pro Minute zu hoch gegriffen sind

Viele Ratgeber nennen 300 Wörter pro Minute als normales Lesetempo. Brysbaert hat nachverfolgt, woher diese Zahl kommt. Sie stammt aus frühen Arbeiten von Huey, Buswell, Taylor und Carver. Neuere Daten liegen deutlich darunter. Selbst die Normwerte des bekannten Nelson-Denny-Lesetests liegen eher bei 250.

In Brysbaerts Romanstudie mit 48 Personen lasen nur 11 schneller als 300 Wörter pro Minute. Wer seine Lesegeschwindigkeit testen lässt und bei 240 landet, ist also nicht langsam. Er liegt genau dort, wo die meisten Erwachsenen liegen. Der amerikanische Leseforscher Miles Tinker schrieb schon 1958, dass 500 Wörter pro Minute selbst bei leichtem Text sehr schnelles Lesen sind.

Was sagt die Forschung zu Speed Reading?

Speed Reading verspricht meist das doppelte oder dreifache Tempo bei gleichem Verständnis. Rayner und vier Kolleginnen und Kollegen haben 2016 die Forschung dazu zusammengefasst, in der Fachzeitschrift Psychological Science in the Public Interest. Ihr Kernbefund: Zwischen Tempo und Genauigkeit gibt es einen Zielkonflikt. Wer schneller liest, versteht weniger.

Den Sprung von etwa 250 auf 500 bis 750 Wörter pro Minute bei vollem Verständnis halten die Autoren für unwahrscheinlich. Tempi über 1.000 Wörter pro Minute sind laut der Arbeit ohne starken Verlust beim Verstehen nicht möglich, so fasst Brysbaert sie zusammen.

Die Augen sind nicht der Engpass

Viele Kurse trainieren die Augen: weniger Fixationen, breiterer Blick, Finger als Taktgeber. Augenbewegungen machen laut Rayner et al. aber höchstens 10 Prozent der Lesezeit aus. Der Rest ist Arbeit im Kopf. Wir erkennen Wörter, setzen Sätze zusammen und bauen daraus einen Sinn.

Auch das Abschalten der inneren Stimme empfehlen viele Anbieter. Rayner et al. beschreiben diese innere Stimme als normalen Teil des Lesens, der beim Verstehen hilft. Wer sie unterdrückt, gewinnt kein Verständnis dazu.

Warum Wort-für-Wort-Apps täuschen

Manche Apps blenden Wörter einzeln in der Bildschirmmitte ein, sehr schnell hintereinander. Das spart Augenbewegungen. Es nimmt uns aber das kurze Zurückspringen zu einem Wort oder Satz. Genau dieses Zurückschauen hilft beim Verstehen, und ohne diese Möglichkeit sinkt das Verständnis.

Bei den gefeierten Schnelllesern sehen die Forschenden ein Muster. Oft sind es geübte Überflieger, die das Thema schon gut kennen. Ohne dieses Vorwissen behalten sie häufig wenig von dem, was sie gelesen haben.

So können wir wirklich schneller lesen

Der Weg mit der besten Beweislage ist unspektakulär: viel lesen und dabei verstehen wollen. Rayner et al. nennen Übung und Sprachkompetenz, vor allem den Wortschatz, als besten Hebel für mehr Tempo bei gleichem Verständnis. Wer ein Wort sofort erkennt, muss nicht stocken. So wachsen Lesegeschwindigkeit und Leseverständnis zusammen. Ob es wirkt, sehen wir, wenn wir nach einigen Wochen mit einem neuen Text erneut die Lesegeschwindigkeit testen.

Was beim schneller lesen hilft: Übung, Wortschatz und Vorwissen, im Vergleich zu Augentraining und Wort-für-Wort-Apps
Was laut Rayner et al. (2016) beim schneller Lesen hilft und was kaum etwas bringt.

Vorwissen macht Tempo

Einen Text über Bienen lesen Imker schneller als wir. Jedes bekannte Konzept spart Denkarbeit. Deshalb lesen wir das dritte Buch zu einem Thema spürbar schneller als das erste. Wie wir Wissen so aufbauen, dass es hängen bleibt, zeigen wir in Richtig lernen mit Methoden, die wirklich funktionieren.

Überfliegen ist erlaubt, wenn wir es bewusst tun

Überfliegen ist eine eigene Technik. Wir lesen Überschriften, erste Sätze und fett markierte Stellen und springen über den Rest. Für E-Mails, Nachrichten oder die Frage, ob ein Kapitel relevant ist, reicht das völlig. Für Prüfungsstoff reicht es nicht. Dort lesen wir langsam und prüfen danach mit der Feynman-Technik, ob wir den Inhalt in einfachen Worten erklären können.

Ablenkung kostet mehr als langsame Augen

Jedes Mal, wenn das Handy vibriert, lesen wir denselben Absatz oft zweimal. Ein ruhiger Platz bringt deshalb mehr als jede Tempoübung. Konkrete Strategien dafür stehen in Konzentration verbessern. Und wer gern misst: Im Tipptest zählen wir die Wörter pro Minute beim Schreiben statt beim Lesen.

Typische Fehler, wenn wir die Lesegeschwindigkeit testen

Wenn wir die Lesegeschwindigkeit testen, machen die meisten Fehler das Ergebnis schöner, als es ist. Vier davon sehen wir besonders oft.

Absichtlich rasen

Wer weiß, dass die Zeit läuft, liest schneller als sonst. Heraus kommt ein Sprintwert. Ehrlicher wird es, wenn wir bewusst im Alltagstempo lesen und die Fragen ernst nehmen.

Zweimal denselben Text messen

Beim zweiten Durchgang kennen wir den Inhalt. Das Tempo steigt, obwohl wir nicht besser lesen. Für einen fairen Vergleich brauchen wir jedes Mal einen neuen Text ähnlicher Schwierigkeit, zum Beispiel einen Zeitungsartikel und eine Stoppuhr.

Tempo ohne Verständnis zählen

450 Wörter pro Minute bei einer von drei richtigen Antworten sind kein Erfolg. Eine Lesegeschwindigkeit ist nur so viel wert wie das Leseverständnis dahinter.

Englische Werte eins zu eins übernehmen

Die 238 stammen aus englischen Studien. Lange deutsche Wörter drücken die Zahl etwas. Ein paar Wörter pro Minute weniger sind deshalb kein Grund zur Sorge.

Merksatz

Gute Leser bewegen die Augen nicht schneller, sie verstehen schneller. Wer die Lesegeschwindigkeit testen will, misst Tempo und Verständnis zusammen und verbessert beides über Übung, Wortschatz und Vorwissen.

Heute Abend: 20 Minuten lesen, das Handy liegt dabei in einem anderen Raum. In vier Wochen messen wir mit einem neuen Zeitungsartikel erneut. Wörter zählen, durch die Minuten teilen, fertig.

Selbsttest

Sieben Fragen zu Lesetempo und Speed Reading. Wer fünf richtig hat, durchschaut jedes Kursversprechen.

Ergebnis

Weiterlesen und Quellen

Quellen (Stand 02.11.2026): Brysbaert, M. (2019): How many words do we read per minute? A review and meta-analysis of reading rate. Journal of Memory and Language 109, 104047 (Mittelwerte 238, 260 und 183 Wörter pro Minute, 190 Studien, deutsche Einzelstudien in den Tabellen, Tinker 1958 zitiert). Rayner, K., Schotter, E. R., Masson, M. E. J., Potter, M. C., Treiman, R. (2016): So Much to Read, So Little Time: How Do We Read, and Can Speed Reading Help? Psychological Science in the Public Interest 17 (1), 4–34. Bienentext im Test: Karl von Frisch, Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 1973 (nobelprize.org); Tunnelversuch zur Entfernungsmessung: Esch et al. (2001), Nature 411, 581–583. Die Bücher-Rechnung im Test nimmt 90.000 Wörter pro Roman an und ist eine Modellrechnung.

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